Miina Supinen: Drei ist keiner zuviel.

Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Berlin, 2014
ISBN: 978-3-518-46551-6 Klappenbroschur, 299 Seiten.

Das Leben als Sturm im Wasserglas.

Ja, ja, ich weiß. Eine Dreiecksgeschichte will von mir  beschrieben werden, ganz so wie es der Klappentext des Buches getan hat und wie es in den vorangegangenen Rezensionen der Fall war. Doch es fällt mir ein wenig schwer von Beziehung zu sprechen, wenn sich wie in diesem Buch zwei Männer und eine Frau so beiläufig lieben, so abwesend, so ausschließlich körperlich. Heißt Beziehung denn nicht auch Verpflichtung und Bindung, die über den Spaß und die Lust hinausgehen, denke ich, und komme mir dabei sehr altmodisch vor. Hätte es bei der Beschreibung einer Dreiecksbeziehung nicht doch mehr an erzählerischer Anstrengung bedurft, an psychologischer Entwicklung der Figuren, um vielleicht auch ein wenig Betroffenheit der LeserInnen zu erzeugen? Erst am Ende des Buches, nachdem sich die Erzählerin über mehr als 200 Seiten für Anderes Zeit genommen hat, kommt sie zum Punkt, nämlich der Verdichtung von bislang kaum vorhandenen Konflikten zwischen den drei ProtagonistInnen Vic, Stella und Antti. Die Dinge enden in einer Katastrophe, und ich begreife nicht warum. „Das ist egal“, raunt mir die Erzählerin zu.

Ich entscheide mich also gegen die klassische Dreiecksgeschichte und unterstelle, dass die Autorin statt dessen etwas schick Belangloses geschaffen hat, einen in Literatur verpackten Liebesroman auf der belanglosen Höhe seiner Zeit, ähnlich wie es vor dreißig, vierzig Jahren Francoise Sagan mit großem Erfolg getan hat. Menage a trois hieß das. Doch damals konnte die Beschreibung von Sexualität noch leicht Tabus verletzen. Diese Zeiten sind vorbei. Frauen, die ihre Sexualität genießen oder darüber erzählen, sind keine Ausnahme mehr, Gottseidank! Was also will uns die langweilige Stella sagen?

Wen interessiert das orientierungslose Leben einer blassen Heldin und eines hilflosen Lüstlings heute schon? Gegen welche gesellschaftlichen Konventionen dürfen sie sich wehren? Ist denn nicht alles beliebig und fraglos geworden?  Warum also soll darüber erzählt werden? Ich neige dazu, der Erzählerin die Fähigkeit abzusprechen, Figuren plastisch zu entwickeln, denn auch der Dritte im Bunde ist der Erzählerin wohl schlecht gelungen. Als an Asperger Erkrankter kommt Antti wohl kaum über seine Symptome hinaus. Niemand verändert, niemand wird verändert. Es rauscht die Bedeutungslosigkeit flott erzählt an uns vorbei.

Worüber erzählt Miina Supinen also, woran lässt sie ihre HeldInnen scheinbar wachsen? Was kann es im Leben einer jungen Frau wohl mehr geben als ihre Orientierungslosigkeit, Spontaneität, und sexuelle Anziehungskraft, mehr als ihre schnoddrige Respektlosigkeit? Vielleicht kann ein wenig Entwicklungsroman im Sinne religiöser Selbstfindung helfen? So meint Stella auf Seite 141: „Ich habe eine Glaubenskrise. Da ich nun mal nicht zur Atheistin tauge, gehe ich an dieser existentialistischen Krise kaputt, wenn nichts von Bedeutung ist und ich sowieso bald sterbe.“

Warum denn dann nicht Elemente wie Neuheidentum, Sektiererei und finnische Mythologie in den erzählerischen Brei mischen? Das soll doch jetzt insbesondere im finnischen Literaturbetrieb angesagt sein. Jedoch, andere SchriftstellerkollegInnen können dies bedeutend besser, sie schaffen einen hyperrealen Raum, in dem die Geschichte entwickelt wird und sich ganz unvermittelt neue Perspektiven auftun.  Miina Supinen bleibt hier außen vor. Ihr gelingt nur ein Zitatenreigen mit zahnlosen Hinweisen auf die Kalevala und Christianisierung Finnlands, eine blasse Schilderung einer „Akademie von Waldmenschen“ und die vordergründige Dämonisierung der Sektengründerin Voula. Ich frage mich letzthin auch, warum der Ich-Erzähler Vic denn Grabungen beginnen muss an einer unterstellten Schwelle zu einer anderen Welt. Und warum muss er mit seinen Betrachtungen und seinem Leben an einer Opferstätte enden? Welche Funktion hat die Einführung der Anderwelt in den Roman, außer dass sie angesagte Staffage sein will. Nein, auch die breit angelegte Auseinandersetzung der Heldin mit Naturreligion und Mythologie bringt dem Roman nur wenig Gewinn und ist aus meiner Sicht allein pseudointellektuelles Geschwätz. Enttäuscht lege ich dieses schicke Magazin beiseite, denn nicht mehr ist dieses Buch: kein Entwicklungsroman von Stella, kein Rückblick auf das eigene, verpfuschte Leben Vics und schon gar nicht die Erzählung einer Dreiecksgeschichte.

Als jung, spritzig und respektlos wird der Roman Supinens weithin beschrieben, mich aber langweilen diese Pseudoprobleme. „Arme Jugend, schwaches Aufbegehren!“, urteile ich und wende mich jungen AutorInnen zu, die tatsächlich etwas zu sagen haben.

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