Salla Simukka: So rot wie Blut.

Arena Verlag, Würzburg 2014
ISBN 9783401600109, gebunden, 304 Seiten.

Wehrhaftes Schneewittchen

Kriminalromane überschwemmen gegenwärtig den Buchmarkt in noch nie dagewesener Weise. Das Verbrechen wird zum allgemein akzeptierten Entspannungsmittel für den lesenden Teil unserer Gesellschaft. Darüber nachzudenken, was diese Krimimanie über unseren psychologischen Zustand  aussagt, würde allemal  lohnen. Fest steht: die Konkurrenz der AutorInnen ist groß, die Qualität der in prächtigen Covern daherkommenden Geschichten ist oft mäßig bis schlecht. Für die Verlage aber scheint sich die Investition allemal  zu lohnen.

Skandinavien ist zu einem „Qualitätssiegel“ geworden, vielleicht auch, weil der durchschnittliche  deutschsprachige Kriminalroman handwerklich schlecht ist, unerträglich bieder daherkommt und schlicht und ergreifend langweilt. Hohe Nachfrage bedingt eben nicht automatisch gute Qualität. Aber auch für die skandinavischen AutorInnen wird es immer schwieriger, „Marktlücken“ in der schriftstellerischen Behandlung des Kriminellen zu entdecken. Der Markt sättigt sich, wirklich gute Neuerscheinungen sind selten geworden.

Diese Feststellung führt uns direkt zu Salla Simukkas Schneewitchentrilogie, dessen erster Band „So rot wie Blut“ 2014 in deutscher Sprache erschienen ist. In einem Zwiegespräch mit der finnischen Autorin Emmi  Itäranta spricht sie diese Marktlücke an. Zwar gebe es in Finnland auf dem Gebiet des Kriminalromans „Detektivgeschichten“ für Kinder und eine große Auswahl an Kriminalromanen für Erwachsene. Entsprechende Bücher für jugendliche Erwachsene gäbe es jedoch kaum. In gleichem Zug weist Salla Simukka für ihre Trilogie die Zuschreibung „Jugendbuch“ zurück, meint auch, die Erfahrung habe gezeigt, dass die Leserschaft aus allen Altersgruppen käme. Der Erfolg des Buches scheint ihr recht zu geben. Wie sie selbst sagt, hätte sie bereits Übersetzungsverträge für den dritten Band der Trilogie unter Dach und Fach gehabt, bevor sie überhaupt erst mit dem Schreiben desselben überhaupt begonnen habe (Hier gehts zum Gespräch).

Unzweifelhaft ist Salla Simukka gelungen, mit ihrem Krimi ein Stück des Kosmos von Jugendlichen abzubilden.  Ihre Heldin heißt Lumikki die Finnische Bezeichnung für den Begriff Schneewittchen. Die Märchenwelt ist dann auch ein fester Bestandteil des Buches und das, obwohl darin sehr realistisch erzählt wird. Nicht nur die Titel der Trilogie spielen darauf an und zahlreiche Kapitelzitate, sondern die Handlung kulminiert in einem recht zwielichtigen Märchenfest, das der Eisbär, das ominöse Haupt einer verbrecherischen Organisation ausgerichtet hat. Märchen hätten früher zur Literatur für Heranwachsende gehört, meint die Autorin. Gar nicht märchenhaft ist allerdings die jugendliche Heldin des Buches , die mehr ungewollt als gewollt in Verbrechen im Milieu der Drogenwelt verstrickt wird. Sie ist eine für ihre 17 Jahre recht kaltblütige Einzelgängerin, die eine Kampfsportart beherrscht und für eine Gruppe von Jugendlichen, die an einem Drogenverbrechen beteiligt sind, letztendlich die Kastanien aus dem Feuer holt. Etwas überzeichnet wirkt zwar mitunter die Schnoddrigkeit der Heldin, doch insgesamt ist sie ein recht logischer Charakter, der dem Klischee einer jugendlichen Erwachsenen zu entkommen versucht. Man spürt hier deutlich die doch unterschiedliche Rolle der Frau in der skandinavischen Gesellschaft.

Von der Buchkritik wurde Lumikki mitunter als neue Lisbeth Salander gefeiert, die Heldin aus der Krimitrilogie von Stieg Larsson. Das ist aus meiner Sicht irreführend, denn unserem Schneewittchen fehlt der traumatisierende Hintergrund und die soziopathischen Züge von Lisbeth Salander. Sie ist hingegen jemand, mit der sich junge Leserinnen durchaus identifizieren können, so sie sich nicht schon völlig den herrschenden Rollenzwängen gebeugt haben. Ein junges, emanzipiertes Mädchen also, auf der Suche nach sich selbst, selbstsicher und unsicher zugleich. Simukka schafft es trotz einiger kleiner stilistischer Schwächen ein sympathisches und manchmal hintergründiges Rollenangebot für junge LeserInnen zu legen und dabei einen überzeugenden Thriller zu schreiben. Es ist das Verdienst dieses Buches, dass etwas Neues erzählt wird ohne die Welt der Jugendlichen zu moralisieren. Ich bin auf die beiden Folgebände gespannt.

Rezensionen dieses Buches bei Perlentaucher

 

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